Wer ist denn nun Charlie? Und warum schlägt er mit Fäusten? – Je suis homme!

Eigentlich wollte ich über ein völlig anderes Thema schreiben, aber die Ergeignisse der letzten Woche in Paris haben doch zu einigen Diskussionen geführt, die ich nicht unkommentiert lassen möchte.  Bei den Attacken in Paris kamen 17 Menschen ums Leben, brutal ermordet von islamischen Fundamentalisten.  Ein schlimme Tat, die sich in den Terror weltweit einreiht.

Trotzdem wird momentan überall verkündet „Je suis Charlie“ und nicht z.B. „Je sui réfugiés de Syrie„. Warum? Nun, die Flüchtlinge in Syrien, die Opfer von Bombardements im Irak, die Opfer von US-Drohnenangriffen weltweit (immerhin 1147 Unschuldige, davon 150 Kinder) sind eben keine Helden im Kampf für Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit, für Demokratie und all diesen guten Dinge. Aber war dies bei der Redaktion von „Charlie Hebdo“ denn tatsächlich so?

Stein des Anstoßes waren zahlreiche Karikaturen der Zeitung, die den Propheten Mohammed zum Ziel hatte. Nun gut – Mohammed ist nun einmal die Galleonsfigur des Islam und sicherlich gibt es, wie in jeder Religion und Kultur, kritikwürdiges Verhalten in dieser Religion, bzw. diesem Kulturkreis. Das ist unbestritten. Und demnach ist es verständlich, dass man Mohammed als Mittel nimmt, um dieser Kritik Aussagekraft zu verleihen. Und die Probleme, die es im (fundamentalistischen) Islam gibt, wie z.B. Unterdrückung von Frauen, Misachtung von Menschenrechten, etc. wurden durch die Zeitschrift auch gekonnt aufgegriffen, wie z.B. durch eine Karikatur, die den Religionsstifter nackt in demütigender Pose, mit hochgerecktem Hintern zeigt, wie er sich einer Kamera präsentiert und fragt, ob man auch seinen Hintern drauf habe. Oder aber in ähnlicher Haltung, diesmal von hinten zeigt, samt aller anatomischen Details mit dem Titel „Ein Stern wird geboren“. Wo wird da Kritik geäußert? Wo wird da eine Diskussion angetreten? Für mich ist das einfach nur beleidigend, demütigend – die Haltungen lassen schnell Assoziationen aufkommen zu den Folterbildern von Abu Ghraib. Zufall, dass diese, vor allem auch sexuellen Demütigungen, ebenfalls Muslimen angetan wurden?

In welcher Art und Weise, sollen diese Bilder irgendetwas verbessern oder wie kämpft man mit herabwürdigenden Äußerungen für Freiheit und Gerechtigkeit? Kämpft man damit nicht vor allem um Auflagen? Ein Schelm, wer böses dabei denkt, dass jedes Mal, wenn solche Karikaturen anstanden, die Auflage gesteigert wurde von normal 60.000 zu 400.000. Vielleicht war doch eher die Aufmerksamkeit und damit bessere Einnahmechance gewollt? Ging es am Ende gar nicht um den Protest – gegen was auch immer eine demütigende Haltung und ein zur Schau gestelter Hintern protestiert?

Nun gut, mag man einwenden – sie haben andere genauso beleidigt, u.a. Christen, die aber nicht gewaltätig reagieren. Das stimmt und natürlich sind Karikaturen keine Entschuldigung für Gewalttaten oder gar Morde, aber sie sind eine Erklärung. Es gibt auch einen entscheidenden Unterschied zwischen Moslems und Christen, vor allem in Frankreich: Diskriminierung. Kinder von Einwanderern, auch noch mit arabischen Namen, haben kaum Chancen auf Arbeit oder Ausbildung. Sie verkommen in Armenvierteln, in Vororten – man erinnere sich an die Aufstände von 2005. Menschen mit dem „falschen“ Aussehen, sind alle gleich Kriminelle, weniger wertvoll erachtet für die Gesellschaft. Und wer waren die Attentäter? Said und Chérif K., Kinder von algerischen Einwanderern, die den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in einem Kinderheim verbracht haben und sich in ihrem Erwachsenenalter mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten haben. Sie waren genau Teil dieser alleingelassenen Gruppe von jungen Menschen in Frankreich, Muslimen. Diese Menschen fühlen sich ohnehin als Augestoßene und dann wird auch noch mit ihrem Erbe in demütigender Weise Spott getrieben? Und dann wundert man sich, dass solche Menschen Hasspredigern und Gewaltverherrlichern zulaufen, weil sie ihnen zum ersten Mal sagen „Ihr habt Wert“ oder „Ihr seid jemand“? Statt die angespannte, problematische Situation der Armenviertel zu kritisieren oder verbessern, hat sich die Redaktion von Charlie Hebdo dazu entschieden noch Öl ins Feuer zu gießen. Das nennt man verharmlosend Mobbing. Wenn eine Gruppe von Leuten Dreck auf jemanden wirft, ihn demütigt und beleidigt und dieser dann ein Messer zückt und einen von ihnen niedersticht, dann ist das weder überraschend (wenn auch falsch) noch ist der Niedergestochene ein Held. Andere zu beleidigen, mag Teil der Meinungsfreiheit sein, das macht es aber nicht moralisch richtig oder gar verehrungswürdig.

Zumindest im deutschen Recht ist die Provokation ein Grund sein Notwehrrecht zu verlieren, d.h. wenn ich jemanden ausreichend provoziere verliere ich u.U. das Recht mich gegen einen körperlichen Angriff zu verteidigen und darf mich diesem nur noch Entziehen. Anderes Beispiel: Im Endspiel der Fußball-WM 2006 stieß Zinédine Zidane mit seinem Kopf einen Gegenspieler um und wurde dafür gesperrt, in seinem letzten Nationalspiel. Hinterher zeigte sich, dass der andere Spieler ihn massivst beleidigt hatte und daher wurde dieser ebenfalls bestraft. Komischerweise wurde er – trotz des Gewaltausbruchs von Zidane (der ebenfalls algerischer Herkunft ist) – nicht als Held und Kämpfer für die Meinungsfreiheit betitelt.

Ich habe heute in einer Diskussion auch den berechtigten Einwand gehört, dass doch aber z.B. eine Frau im Minirock nicht Schuld sein kann, wenn sie Opfer eines Sexualdelikts wird. Der Unterschied ist aber, dass in diesem Fall die Frau niemanden angreift – in welcher Form auch immer. Es ist recht spannend, dass ich vor einiger Zeit mit meiner Freundin eine ähnliche Diskussion hatte, weil ich im Grunde vor einem moralischen Dillemma stand. Jemand der nicht angeschnallt ist und deswegen bei einem Unfall zu Schaden kommt, oder z.B. keinen Helm trägt, wird sowohl legal als auch (besonders den letzten Absatz im Link beachten), denke ich, von den meisten so, eine Verantwortung zugeschrieben bekommen, denn er hätte sich anders verhalten können, um die Gefahr zu senken. Wieso sieht man, inklusive mir, das in dem Beispiel mit der überfallenen Frau anders? Gefühlsmäßig ist das recht automatisch so – natürlich trägt das Opfer eines solchen Verbrechens keine Schuld daran. Aber wieso ist das beim unangeschnallten Fahrer so? Es ist der zuerst genannte Punkt: Die Frau greift niemanden an. Ihr Handeln bezieht sich nur auf sich selbst. Sie trägt eine Kleidung, die sie mag und dies ist ihr Recht. Wird sie Opfer eines Verbrechens, dann ist dies kein Unfall, sondern – zu verurteilender – Wille des Angreifers. Bei einem Unfall ohne passende Sicherheitsausstattung ist dies anders. Da ist kein willentlicher Angreifer, sondern ein Missgeschick oder eine Verkettung von Umständen – einer davon, dass man eben keine passende Schutzausrüstung trägt (Gurt, Skihelm, etc.). Das eigene Handeln hatte negative Folgen, ein Risiko, dass man in Kauf genommen hat, ist eingetreten.

Aber wie war es nun beim Fall Charlie Hebdo? Nun, nach Meinung des Chefredakteuers, muss Satire „ein Faustschlag ins Gesicht“ sein. Ich finde diese Formulierung recht bemerkenswert. Das ganze Bild ist merkwürdig – es ist reine Gewalt. Abgesehen davon, dass ein Schlag ins Gesicht eine sehr große Verletzungsgefahr birgt, ist er auch noch demütigend. Das Gesicht ist das Zeichen der eigenen Identität und diese wird geschlagen. Aber auch nicht als Ohrfeige, sondern als Faustschlag, weitaus brutaler. Mit Faustschlägen übt man aber keine Kritik oder vertritt eine Meinung, sondern man übt Gewalt aus. So verstand der Chefredakteur seine Arbeit. Als Gewalt, als demütigende Gewalt, demnach ist er ein Schläger in seinen eigenen Augen. Leider eskaliert Gewalt auch oft und was als Faustschlag beginnt, endet ggf. mit Toten. Natürlich war die „Gewalt“ von Charlie eben nur auf dem Papier und rechtfertigt keinerlei körperliche Repressalien gegen die Redaktion oder gar Unbeteiligte, wie die Opfer im jüdischen Supermarkt, der einen Tag später brutal überfallen wurde. Aber das Klima in welchem diese Eskalation stattfand, war von Charlie bewusst angeheizt und für Auflagen genutzt worden. Satire sollte Kritik sein, Missstände aufzeigen und nicht andere demütigen. Satire sollte einen zum Lachen bringen. Es mag auch Menschen geben, die über Faustschläge in Gesichter lachen – ich gehöre weder dazu, noch heiße ich sie gut.

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern die Schattierungen sind grau. Die Taten in Paris sind zu verurteilen und nicht zu rechtfertigen und ich bedauere das verursachte Leid und bemitleide die trauernden Angehörigen. Aber die Getöteten waren weder Helden noch Kämpfer für das Gute, sondern im Grunde sehr unsympathische Menschen, die aus der Sensation einer demütigenden Beleidigung Profit geschlagen haben. Nicht mehr und nicht weniger. Es wäre wünschenswert, wenn man aus den Anschlägen etwas über Integrationspolitik und Diskriminierung genauso gelernt hätte, wie Respekt vor anderen Menschen. Ich bin nicht Charlie, ich bin Mensch und trete dafür ein, dass alle Menschen würdevoll behandelt werden, egal welche Herkunft, welche Religion, welches Geschlecht, welchen Beruf oder was auch immer sie haben. Je suis homme!

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4 Gedanken zu “Wer ist denn nun Charlie? Und warum schlägt er mit Fäusten? – Je suis homme!

  1. Wir haben das ebenso beurteilt. Die Demütigung anderer ist auch durch
    nichts zu rechtfertigen. Gerhard

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