Für die Freiheit gehe ich morgen ins Büro – oder auch Heuchelei für Fortgeschrittene

Die Welt atmet auf. Jogi Löw hat heute endlich verkündet, dass die Deutsche Nationalelf morgen gegen die Niederlande spielen wird – und dies ist seiner Meinung nach auch ein Zeichen für Freiheit und Demokratie. Auch Manager Bierhoff erklärt, dass die Spieler ihre „Botschafter“-Rolle ernst nehmen und obwohl sie eigentlich nicht wollen, morgen doch auf’s Spielfeld laufen werden.

Darum habe ich mir überlegt, morgen gehe ich ins Büro, auch für die Freiheit. Nicht, weil ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben habe oder das entsprechende Gehalt brauche – denn, ich bin mir sicher, die Nationalelf läuft auch nicht auf, weil sie Prämien für Länderspiele und -tore bekommt oder Sponsorenverträge zu erfüllen hat. Für die Freiheit macht das die Nationalelf. Und ich morgen auch!

Ich sehe die Jubelchöre in Afrika, wo die Menschen von Boko Haram verfolgt und brutal ermordet werden, schon vor mir: Man wird den Heldenmut der deutschen Nationalelf sicherlich dort ganz besonders spüren. Ebenso werden die Menschen in Syrien, in den kurdischen Gebieten und auch im Irak jubeln, weil – da bin ich mir sicher – der IS morgen nach Abpfiff seine Aufgabe bekannt geben wird. Wie sollen sie denn bitte noch siegen, wenn die Nationalelf Deutschlands morgen für die Freiheit Fußball spielt? Das schlägt doch mit Sicherheit den berühmten Sack Reis… Und der arme Jogi Löw hat noch nicht einmal in der Nacht von Freitag auf Samstag schlafen können und trotzdem werden die Spieler für die Demokratie spielen. Also wenn das keine Opferbereitschaft ist, dann weiß ich aber auch nicht.

Mal ehrlich, haben wir damit nicht alles getan? Gut, ja, wie ich schon einmal vor einigen Monaten anmerkte, den Armen und sozial Ausgegrenzten in den Pariser Vororten – und auch bei uns – wird es damit natürlich nicht besser gehen. Aber der Freiheit doch schon! Freiheit in der es Menschen gibt, die einfach aufgrund ihrer Herkunft keine Perspektive haben eine Ausbildung oder einen Job zu bekommen.

Die ganze Sache wird auch schnell seine Folgen haben – der IS wurde, wie ich es mir gedacht habe – noch am Sonntag (christliche Werte!) intensiv durch französische Truppen bombardiert. Ironie nur: von den fünf Attentätern waren vier Franzosen, nur der fünfte hatte einen syrischen Pass, dessen Echtheit noch nicht bestätigt ist. Der Drahtziehrer der Anschläge ist offenbar zudem Belgier. Die französischen Attentäter in Paris stammen übrigens laut dem oben verlinkten Artikel allesamt aus den Pariser Vororten. Den selben Vororten, wo vor zehn Jahren Unruhen tobten, die der spätere Präsident Sarkozy im Amt des Innenministers mit „aller Härte“ und „Null Toleranz“ niederschlug. Den Erfolg hat man ja gesehen: Die ungehörten, haben sich auf andere Weise Gehör verschafft.

So wirkt es vor allem peinlich, wenn Polen verkündet, die zunächst versprochenen 7.000 Flüchtlinge wegen der Anschläge in Paris nun doch nicht aufnehmen zu wollen. Also weil Franzosen, Franzosen töten, will Polen keine Flüchtlinge aufnehmen – das macht Sinn. Ähnlich sieht es auch Markus Söder, der meint, dass die Anschläge in Paris alles ändern und nun gehandelt werden müsse. Werden wir jetzt keine Franzosen mehr ins Land lassen?

Patentrezepte

Nun könnte man vielleicht ein wenig an der Wirksamkeit eines Fußballländerspiels streiten, was die Friedensbewegung und Verbreitung von Demokratie angeht, aber es gibt ja noch andere Strategien.

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Artilleriefeuer in Afghanistan

Zum Beispiel Krieg. Wie er – im Grunde seit vielen Jahrzehnten – in Afghanistan geführt wird. Das einst blühende und hochentwickelte Land ist heute ein Trümmerfeld. Dafür haben die westlichen Alliierten im Krieg gegen den Terror eine Billion Dollar ausgegeben, also eintausend mal eine Milliarde Dollar. Soviel haben wir nicht einmal für die Bankenrettung bezahlt. Und für Flüchtlingsprogramme geben wir immerhin eine Promille davon aus.

Der Erfolg der ISAF-Truppen spricht für sich. In ganz Afghanistan ist Frieden, die Menschen haben die Taliban längst vergessen und es herrscht überall Sicherheit, weswegen Deutschland, allen voran wieder die Herrschaften der CSU, die afghanischen Flüchtlinge auch schleunigst wieder zurück dorthin schicken möchte.

Gut, so ganz sicher ist es noch nicht, weswegen die Amerikaner ihr Vorhaben bis 2017 aus dem Land größtenteils abzuziehen, verworfen haben und statt der geplanten 1000 Soldaten mehr als die fünffache Menge im Land behalten wollen. Und die Bundeswehr stockt ihr Kontingent ebenso auf – weil es so sicher ist in dem Land. So sicher, dass die Taliban vor einigen Wochen Kunduz erobert haben. Einfach so. Also offenbar ist die Strategie voll aufgegangen. Es wäre also völlig unsinnig gewesen die tausend Milliarden Dollar statt in Bomben in Entwicklungsprogramme zu stecken, die verhindert hätten, dass die Taliban unterstützt werden – denn zufriedene Menschen binden sich keine Sprengstoffwesten um, um sich und andere damit zu töten. Aufklärung zu leisten, Perspektiven zu schaffen, wäre bestimmt die falsche Art und Weise gewesen, wirklich Frieden in die Region zu bringen.

Man muss Söder und Konsorten eines lassen: Sie sind wenigstens ehrlich. Man kann sich bei ihnen darauf verlassen, dass sie rechts (nicht zwangsläufig extrem) sind und sich entsprechend äußern, üblicherweise mit dummem Zeug natürlich. Aber verlässlich.

Schlimmer ist vor allem Heuchelei. Laut Frau Merkel, sollte es vornehmliches Ziel sein, Flüchtlingsursachen zu bekämpfen. Soweit so gut. Dies tun wir, in dem wir z.B. Panzer in Krisenregionen verkaufen, vor allem an Saudi Arabien, inklusive Patrouillienboote. Ähm, Saudi Arabien? War das nicht das Land, was u.a. die Aufstände des arabischen Frühlings in Bahrain niedergeschlagen hat, wogegen Frau Merkel protestierte? Also noch einmal kurz, wie liefern Panzer an ein Land, das gewaltsam Proteste für Demokratie niederschlägt? Mit Panzern. Wir liefern Panzer an ein Land, das nachweislich den Islamischen Staat finanziert, die Organisation, die hinter den Anschlägen von Paris steht? Wir vergeben Fußballweltmeisterschaften an ein Land, das nicht nur sklavenähnliche Zustände für seine Arbeiter aufrechterhält, sondern ebenso den IS finanziert, nämlich Katar. Jetzt bin ich durcheinander: Ist das nun Flüchtlingsursachen bekämpfen oder Solidarität wegen der Anschläge in Paris? Wie wäre es denn, wenn die Nationalelf mal der Freiheit wegen, nicht spielen würde, z.B. in Katar? Oder ist das am Ende vielleicht auch alles gar nicht so ehrlich gemeint?

Aber da hört die Heuchelei natürlich nicht auf. Am Freitag sind auf grausige Art und Weise 132 Menschen gestorben, stimmt. Das sind immerhin fast so viele, wie die 150 Kinder, die durch den Dronenkrieg der Amerikaner gestorben sind, nebst der übrigen 1000 Menschen, die unschuldig getötet wurden, um 34 Zielpersonen unschädlich zu machen. Zielpersonen, die auch nie durch eine Untersuchung oder Verhandlung als Terroristen überführt wurden. Ich könnte mir vorstellen, dass es relativ leicht ist den Eltern, Geschwistern oder Freunden dieser 150 Kinder und übrigen 1000 Menschen, die unschuldig getötet wurden, klarzumachen, dass der Westen grausam ist und bekämpft werden muss und es auch moralisch vertretbar ist, ebenso wie der Westen das tut, mit Bomben gegen ihre Lieben vorzugehen.

Wo waren die Flaggen auf Halbmast, die Gebäude angestrahlt in den entsprechenden Nationalfarben, als 224 Russen durch den IS über Sinai getötet wurden?  Wo war da die Solidarität?

Hollande erklärt, dass die ganze Welt durch den IS vom Krieg bedroht ist, weil 132 Franzosen gestorben sind. Aber bei 224 Russen war es nicht so schlimm? 132 Franzosen sind schlimmer als 500.000 Kinder, die im Irak aufgrund der Embargos gestorben sind, weil das Land plötzlich nicht einmal mehr Röntgengeräte hatte? Wo ist die „Welt“, wenn statt 132 Franzosen (wobei da sogar 2 Deutsche darunter waren!) 2,9 Millionen Kleinkinder jedes Jahr an Hunger sterben? Ich finde das geht schon über Heuchelei hinaus, das ist Zynismus oder sogar menschenverachtend.

Ursachen und Lösungen

Mit mehr Bomben, mehr Gewalt werden wir gar nichts erreichen. Außer, dass wir noch mehr Menschen töten, ihrer Heimat oder ihrer Perspektiven berauben. Wie soll auch eine Bombe auf den IS verhindern, dass französische Jugendliche und perspektivlose Menschen weiterhin mit Gewalt auf ihre Perspektivlosigkeit reagieren? Sie sind verzweifelt und stehen mit dem Rücken an der Wand.

Zugehörigkeit ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Und genau die fehlt diesen Menschen, die in Vororten versauern. Ohne Arbeit oder Hoffnung darauf ihr Leben selbst gestalten zu können. Und das nicht nur in Paris oder Frankreich, sondern auch bei uns. Einige werden zu Randalierern bei Fußballspielen, andere fühlen sich durch extremistische Gruppen angesprochen, weil sie dort plötzlich angenommen sind und Wert haben. Wie perspektivlos muss man sein, um darin, um in Versprechungen, die in einem unbekannten Jenseits liegen, endlich eine Perspektive zu sehen und danach sein Leben zu richten oder sogar zu beenden?

An dieser Lage und Aussichtslosigkeit von Menschen muss man etwas ändern. Wer nichts zu verlieren hat, ist leicht zu verführen mit Versprechungen, die Heldentum in Aussicht stellen oder eben Zugehörigkeit zu einer elitären Gruppe. Statt sinnloser Gesten von Nationalmannschaften, die man schon mit wenig Verstand als Unfug erkennen kann, sollte man sich vielleicht weniger um die Frage kümmern, wann welche Nationalelf Fußball spielt, sondern wie wir unsere Welt wirklich gerechter und lebenswerter für alle machen können.

Und wenn schon nicht aufgrund von menschlicher Anteilnahme, sollten wir aus Eigenschutz andere nicht ihrem Elend überlassen, denn glückliche Menschen laufen nicht Amok. Es ist ein wenig ironisch, dass dieser Tage ein französischer Film in den Kinos angelaufen ist, der die wahre Geschichte einer Lehrerin zeigt, die Jugendliche in dem Pariser Vorort Créteil dazu brachte an sich selbst zu glauben.  Offenbar hat man aber nichts von dieser Lehrerin gelernt. Von den fünf bekannten Attentätern war einer vielleicht Syrer, d.h. den IS zu bombadieren ist eine Antwort auf 20% des Terrorproblems. Die Frage ist, wie wir auf die restlichen 80% reagieren werden, auf die vier Attentäter, die hier in Europa gelebt haben, unter uns und einfach ausgegrenzt wurden. Und diese Antwort wird bestimmen, ob wir in zehn Jahren noch immer ein Terrorproblem haben oder nicht. Es wird gerne auf die christlichen Werte Europas gepocht, wenn es aber darum geht, diesen auch Taten folgen zu lassen und sich um die am Rande der Gesellschaft zu kümmern, sind sie auch genauso schnell wieder verschwunden.

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