Der Gott des westlichen Gemetzels: Narziss

Was geben nicht viele Menschen auf den kurzen Ruhm und vor allem die Möglichkeit sich durch alles erdenklich mögliche – und mag es noch so absurd erscheinen – irgendwie in den Vordergrund zu rücken?

In Zeiten in denen manch einer sogar über sein Mittagessen bei Facebook Meldung macht und wir insgesamt eine viel kleinere Welt geworden sind, weil wir ständig von allen möglichen Leuten, ob wir sie kennen oder nicht, Nachrichten erhalten, die oftmals alles andere als wichtig sind, ist es schwer geworden herauszustechen aus der Menge. Offenbar ist aber genau dies ein Urbedürfnis des Menschen. So sehr, dass man die selbstverliebte Regung schon im alten Griechenland mit einem eigenen Gott betitelte, Narziss.

Die Menschen sind so selbst bezogen, dass sie anderen Lebewesen die selben Rechte aberkennen, eine „Seele“ hat nur der Mensch, andere Lebewesen kann man quälen, ausbeuten oder einfach ihren Lebensraum zerstören. Abwertend bezeichnet man Menschen auch gerne einfach als „Tier“.

In Argentinien hat kürzlich eine Menschenmenge einen jungen Delphin aus dem Wasser gezogen und das Tier solange für Selfies herumgereicht, bis es an Überhitzung und Dehydrierung gestorben ist.

hashtagdolphinselfie
Tödliche Selfiesucht. Bild: Hernan Coria, Facebook

Eine Horde von ganz „normalen“ Menschen musste unbedingt dadurch eine Selbstaufwertung erreichen, dass sie ein wehrloses Tier so lange für ihren Ruhm missbrauchten, bis es daran gestorben war. Denn darum geht es eigentlich. Wir fühlen uns so minderwertig, dass wir uns irgendwie hervortun müssen. Da dies durch wirkliche Leistung zu erreichen, schwer und zeitaufwendig ist, ist es nicht sehr opportun. Delphinbabies herumzureichen, ein Selfie vor einem berühmten Ort und Vergleichbares ist natürlich viel einfacher. Und – sind wir mal ehrlich – die meisten bevorzugen doch die einfache Variante. Geht es mir darum, dass man keine Urlaubsfotos mehr teilen darf? Natürlich nicht. Es ist aber ein Unterschied, ob ich Freude über einen schönen Urlaub mit jemandem teilen will, oder ob ich auf Kosten eines anderen Lebens, rücksichtslos einen Moment des Ruhms haben will.

Die Egozentrik unserer Art macht sich so im Kleinen bemerkbar, aber im Großen vor allem im schändlichen Umgang mit unserer Umwelt – menschlicher und natürlicher Art. Zum Beispiel dadurch, dass man in Europa im Schnitt einen ökologischen Fußabdruck von 2,5 hat – das bedeutet um unseren Lebensstandard für alle Menschen zu ermöglichen, bräuchte man 2,5 Erden. Dass wir Menschen jedes Jahr 800 Spezies auf der Erde vernichten, habe ich bereits erwähnt.

Spannenderweise sind wir auch dazu in der Lage, wenn es um Kulturen geht. Seien es die bösen Flüchtlinge, die uns den Wohlstand rauben wollen – wobei wir getrost ignorieren, dass Flüchtlinge im Jahr 2015 insgesamt Kosten von 12 Milliarden Euro verursacht haben (bei einem Steuerüberschuss von 21 Milliarden, d.h. effektiv hatten wir immer noch 9 Milliarden mehr als erwartet) , während Konzerne durch Steueroasen in Europa keine Steuern zahlen und dadurch ein Schaden von 1000 Milliarden im Jahr entsteht (wenn man diese Lücken schließen würde, könnte man also jedem Flüchtling der letztes Jahr nach Deutschland gekommen ist, fast eine Millionen Euro schenken, ohne dass Geld fehlen würde im Vergleich zur aktuellen Situation). Wieso? Weil Flüchtlinge nicht zu „uns“ gehören?

Fast genauso schlimm wie Flüchtlinge sind ja bekanntlich die Griechen, die im Grunde nur das selbe wollen. Kürzlich hat ein linker Komiker in Griechenland einen – wie auch ich finde – sehr harten Witz auf Kosten von Herrn Schäubles Behinderung gemacht und seine Politik damit kritisiert. Da ist plötzlich die Empörung groß. So geht es ja nicht! Da wäre sogar die Grenze der Satire überschritten worden.

„Grenze der Satire“? Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Vor gut einem Jahr wurde ein brutaler Anschlag auf die Redaktion der französischen Zeitung Charlie Hebdo verübt (auch ich habe seinerzeit einen Eintrag darüber verfasst), motiviert durch die Tatsache, dass das Magazin häufig erniedrigende Karikaturen mit Bezug zum Islam veröffentlichte. Damals hieß es, dass Satire alles darf und um genau das zu demonstrieren sind Massen von Menschen, inklusive Politiker, auf die Straße gegangen. Nun wurde plötzliche eine Grenze überschritten? Mhhh, seltsam. Also Muslime müssen sich alles gefallen lassen, aber Politiker nicht, schon gar nicht wenn sie – völlig zurecht – kritisiert werden (wer allen Ernstes annimmt, dass das den Griechen vor allem durch Herrn Schäuble aufgezwungene „Sparen“ statt Investieren in Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft in Zeiten in denen Sparen mit Negativzinsen bestraft wird, sinnvoll ist, sollte das noch mal durchrechnen. Mehr Hintergründe zur zweifelhaften Finanzpolitik gegen Griechenland gibt es hier.).  Die Griechen gehören aufgrund ihrer mangelnden Finanzkraft eben nicht in den elitären Kreis, Frankreich offenbar schon. Dass ein großer Teil des Schadens in Griechenland durch die westliche Politik verursacht wurde (ein Beispiel wie man es hätte anders machen können, ist Island), wird natürlich gerne verschwiegen. Auch in Deutschland gibt es Komiker, die vor allem mit Behindertenwitzen punkten, sogar bei Behinderten, z.B. Chriss Tall. Und selbst einer der führenden Gleichstellungsaktivisten für Behinderte, selbst schwer beeinträchtigt, Raul Krauthausen, findet, man sollte über Behinderte auch Witze machen können. Aber ein linker Komiker, der Politikkritik damit verbindet, der überschreitet Grenzen.

Der linke Komiker, der Grieche, gehört aber eben nicht „zu uns“. Ebensowenig wie die Flüchtlinge. Nicht weniger narzisstisch sind Verträge, wie sie z.B. Herrn Gottschalk zugestanden wurden, der auch für nicht geleistete Arbeit – aufgrund der Absetzung seiner Sendung – mehrere Millionen Gehalt bekommt und das ohne sich zu schämen. Also er tut nichts, bekommt dafür Millionen an Steuergeldern und dies ist in Ordnung, steht ihm ja zu? Ein sehr seltsame Vorstellung, finde ich. Wie auch immer die rechtliche Lage ist, moralisch finde ich die Bewertung sehr eindeutig. Andere Menschen, die bei uns von Steuergeldern leben müssen, werden dafür verunglimpft – gerne hackt man auf Hartz-IVlern herum, die gehören nämlich auch nicht in unseren narzisstischen Kreis.

Die Ausgeburt unserer westlichen, egozentrischen Narzissmusstörung ist? Genau, der Selfiestick. Ein Werkzeug, dass es uns erlaubt noch bessere Selbstportraits zu erstellen und dafür nicht einmal die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Früher hat man andere Menschen gefragt, ob sie ein Foto von einem machen, heute will man das nicht mehr. Es zeigt nur zu deutlich, wie abgetrennt wir von unseren Mitmenschen eigentlich sind – entweder trauen wir ihnen zu, uns zu bestehlen, wenn wir ihnen unsere Kamera anvertrauen, oder wir wollen einfach nicht mit ihnen in Kontakt kommen. Aber Selbstportraits in ungeahnten Mengen müssen trotzdem sein. Und noch weniger Verbindung als zu unseren Mitmenschen haben wir zu unserer Umwelt, die wir ohne Rücksicht, dafür sehr bequem, ausbeuten und zerstören.

Wir Menschen sollten uns sowohl auf unsere Mitmenschen als auch unsere Umgebung besinnen und uns endlich klar machen, dass alles was wir tun Auswirkungen hat, Auswirkungen, die auch großen Schaden verursachen können.

 

 

 

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