Vielleicht einfach mal kürzer treten? – Die Verehrung des „Mehr“ und warum der Urmensch klüger war

Dieser Tage häufen sich ein wenig die Hiobsbotschaften, sei es bzgl. TTIP oder Flüchtlinge. Im Grunde steht Europa seit Beginn der Flüchtlingskrise an einem Scheideweg und vor allem wird eines immer deutlicher: Wir können nicht einfach weiter machen wie bisher.

Wir leben in einer Welt in der 62 Menschen über die Hälfte des irdischen Vermögens besitzen und diese Ungleichheit verstärkt sich. Und dies ist ja keinesfalls nur bei den Reichen und auf persönlicher Ebene so. Wir gehören zu den 20%, die 80% der weltweit zur Verfügung stehenden Energie verbrauchen. Gleichzeitig diskutieren wir darüber, ob es in Ordnung ist, wenn Menschen zu uns fliehen, um ein besseres Leben zu haben. Wieso diskutieren wir nicht darüber, wie wir dieses Geld und diese Ressourcen sinnvoller und gerechter verteilen können?

Der Hartz-IV Empfänger war ja vor dem Flüchtling das unterste Subjekt unserer Gesellschaft, der „faule Mensch“, der nur auf Kosten anderer leben will. Auf dieser Position wurde er ja nun vom Flüchtling abgelöst. In unserem Land bekommt allerdings jeder ein sogenanntes Existenzminimum zugewiesen, eben den Hartz-IV Satz. Wenn jemand also nichts „leistet“ für die Gesellschaft, ist das das Geld, was diese Person der Gesellschaft wert ist. Oder eigentlich nicht mal das, denn wer sich nicht doll genug anstrengt bekommt sogar das noch gekürzt – auch wenn das gegen unser Grundgesetz verstößt, wie das Sozialgericht in Dresden letztes Jahr urteilte. Warum? Nun, das Existenzminimum ist ja bereits das Minimum und soll ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe und menschlicher Würde wahren. Problematisch ist natürlich, dass die wenigsten Hartz-IV Empfänger sich einen Anwalt leisten können, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Aber genauso, wie wir afrikanischen Ländern gerne für sie nachteilige Handelsabkommen aufdrücken, genauso holen wir bei den Schwächsten noch ein paar Cent raus, statt z.b. gegen Steuerschlupflöcher oder Briefkastenfirmen vorzugehen. Ganz vorne bei den Steueroasen ist übrigens Deutschland.

Ich habe jüngst im Gesichtsbuch eine Diskussion über die brutale Art und Weise, wie wir unter anderem mit Küken umgehen, geführt. Dort hieß es jeder könne schließlich mehr Geld für Essen ausgeben und so Bio und Co einkaufen. Die Argumentation, dass viele Leute weder die Zeit haben, um sich darüber Gedanken zu machen, noch das Geld, weil sie sich nur mit mehreren Jobs überhaupt über Wasser halten können, wurde als dumm abgetan. Dabei ist das Schreddern von Küken nur die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die ausschließlich nach Ausbeutung strebt. Wer keinen Wert für die Gesellschaft hat, wird aussortiert. Sei es Küken oder Hartz-IVler. Zerschredderte Küken sind die logische Konsequenz einer Gesellschaft wie wir sie formen.

Wir bekommen vorgegaukelt, dass Menschen, die reich sind – und ich rede hier von Top-Managern und Co – erfolgreich sind und etwas leisten. Wirklich? Leistet ein Topmanager mehr als z.B. eine RettungssanitäterIn? Oder Pflegepersonal im Schichtdienst? Ist eine Software, die Abgasdaten fälscht wirklich mehr wert als ein gerettetes Leben? Gleichzeitig wird das als das ultimative Ziel hingestellt: Mehr, mehr, mehr. Das ist nämlich angeblich Glück – warum das Unsinn ist, habe ich vor einiger Zeit schon einmal kommentiert. Das spannende ist, dass Leistung bei uns viel stärker besteuert wird, als ohne eigene Leistung Geld zu erhalten – nämlich durch Kapitalzinsen. Während der Spitzensteuersatz für Lohn und Co bei 42% liegt, beträgt er für Zinserträge nur 25%. Und das ist auch einer der Gründe, warum Geld immer mehr zu Reichen fließt. Wer mit Geld anstatt echter geleisteter Arbeit mehr Geld machen kann, als eben mit wirklicher Arbeit, ist doch aber kein Leistungsträger, oder?

Ich denke der Grund, warum es so unpopulär ist, gegen z.B. die 62 Superreichen auf der Welt vorzugehen, ist, dass sich insgeheim die meisten wünschen, selbst zu diesen Personen zu gehören, die sich „alles“ leisten können. Die Verehrung des „Mehr“ haben und dadurch nämlich gleichzeitig „mehr“ seins. Hast Du was, bist Du was – das ist das würdelose Motto unserer Gesellschaft und deswegen müssen wir z.B. dicke Autos fahren, auch wenn wir sie nicht brauchen und auch wenn sie alles andere als umweltfreundlich sind. Inzwischen liegen die Neuzulassungen z.B. bei SUVs bei 20% – sind wirklich ein fünftel aller Wagenkäufe vom Bedarf geprägt geländetauglich sein zu müssen?

Die Ausbeutung von Ressourcen durch einige wenige, ist auch ein schönes Thema in den umstrittenen TTIP-Verhandlungen, deren Inhalt heute in Teilen durch Greenpeace veröffentlicht wurde. Der Profit hinter diesem Abkommen soll vor allem zu Lasten von Verbraucher- und Umweltschutz gehen. Diese Haltung, Konsum geht vor Umweltschutz ist vor allem auch in der Jugend populär. Gerade einmal ein Drittel halten Umweltschutz für wichtig. Bedenkt man, dass die Umwelt unsere Lebensgrundlage bildet, ist dies eine sehr kurzsichtige Haltung.

Wir brauchen z.B. Bienen für die Befruchtung von Pflanzen – fallen diese aus, dann werden wir in Zukunft sehr hungrig zu Bett gehen. Wir brauchen Pflanzen für unsere Nahrung oder als Futter für unsere Nahrung. Die starke Bedrohung der Umwelt habe ich schon einmal thematisiert. Meine Prognose war jedoch sehr viel optimistischer als offenbar die Tatsachen. Eine Studie der Stanford-University, einer der renommiertesten Universitäten der USA, hat nun eine konservative Schätzung ergeben: Drei Generationen lang wird die Artenvielfalt noch die Menschheit am Leben erhalten können. Menschliche Aktivitäten auf der Erde haben ein sechstes Massenaussterben gestartet, welches zuletzt beim Aussterben der Dinosaurier so dramatisch gewesen ist. Zu diesem Schluss sind sie mit den für uns bestmöglichen Annahmen gekommen, d.h. der kleinst angenommenen Aussterberate. Ursachen für das Aussterben sind z.B. die Versauerung der Ozeane durch den erhöhten CO2-Anteil in der Atmosphäre oder auch Raubbau.

Wir leben in einer Gesellschaft, die davon abhängt, dass man Wirtschaftswachstum hat – immer „mehr“ muss es sein. Zwangsläufig kann dies nur zu Lasten anderer gehen. Letztlich bedeutet Wirtschaftswachstum das erwirtschaften der Zinsen, die in unserem Geldsystem stecken. Das Problem ist: Die Ressourcen sind begrenzt. Wenn man also immer „mehr“ braucht, kann man zwangsläufig nicht in einem Gleichgewicht stehen. Ich kann nicht beurteilen, ob drei Generationen richtig oder falsch sind. Fakt ist jedoch, dass wir einen Lebenswandel unterhalten, den wir uns einfach nicht leisten können. Seltsamerweise wird dies auf gesellschaftlicher Ebene akzeptiert. Bei einem Kindergeburtstag würden Eltern zusehen, wenn ein Kind 80% der Torte alleine isst? Oder würden sie einschreiten, damit alle etwas davon haben? Wieso tun wir dies dann auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene nicht? Wieso müssen wir immer produktiver sein? Technischer Fortschritt bedroht unsere Arbeitsplätze – der Roboter ersetzt den Arbeiter. Warum ist das eine Bedrohung? Weil ein Mensch nur nach seinem erwirtschafteten Gewinn einen Wert bei uns besitzt. Seltsamerweise. Statt also den technologischen Fortschritt zu nutzen, um mehr Lebensqualität zu haben, z.B. dadurch, dass man weniger arbeiten muss. Die Entdeckung des Feuers hat dazu geführt, dass wir Nahrung effizienter verdauen und haltbar machen konnten – wir mussten weniger jagen. Keine Ahnung, ob es damals schon Aussonderung aufgrund von reduziertem Jagdverhalten gab, Fakt ist jedoch, dass Menschen die Zeit, die ihnen mehr zur Verfügung gestanden hat, dafür nutzten, um z.B. Höhlenwände zu bemalen und sich Gedanken zu machen, wie man etwas verbessern kann – irgendwann wurden Dinge wie das Rad erfunden.

Alternativen gibt es längst. Selbst anerkannte Wirtschaftsexperten raten inzwischen zu einem Grundeinkommen, zu einer Abkehr von einer Wachstumtswirtschaft. Weniger ist eben auch hier mehr. Vor allem müssen wir von dem Gedanken weg, immer „mehr“ zu brauchen, denn die Menge von dem, was wir haben ist nun einmal begrenzt. Wir steuern gerade auf eine wirtschaftliche und ökologische Katastrophe zu – Hauptsache Konsum. Und wenn die 75 Jahre in der Tat eine vorsichtige Schätzung sind, nun dann werden einige von uns vielleicht ihren Enkeln noch erklären müssen, wieso das SUV wichtiger war, als die Lebensgrundlage der Menschheit zu erhalten… Und wenn die ungerechte Verteilung von Ressourcen schon jetzt solch unsolidarischen Verhalten auslöst, wie wir es in den nationalen Bewegungen in der EU sehen, dann wird es ja erst recht „spannend“, wenn die Ressourcenknappheit und zerstörte Umwelt auch uns erreichen.

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