Besorgte Bürger Teil I: Sorge oder keine Sorge, das ist hier die Frage.

In letzter Zeit habe ich mich ja in einem anderen Blog vor allem wissenschaftlichen Themen gewidmet, aber in der Zwischenzeit auch noch einige Gedanken zu einem weiteren eher kritischen Beitrag gesammelt. Die aktuellen Ereignisse in meiner Heimatstadt Berlin, lassen mich das Thema aber nun doch früher aufgreifen.

Am Montag hat ein Gewalttäter zwölf Menschen ermordet und zahlreiche weitere schwer verletzt – mein erster Gedanke war, oh, nun hat es wohl auch uns erwischt. Heute wissen wir, dass der Tatverdächtige, der zuerst festgenommen worden ist, unschuldig war und stattdessen ein anderer Verdächtiger gesucht wird. Dieser war wohl sogar in der Vergangenheit schon Ziel von Überwachungsmaßnahmen, bevor diese eingestellt wurden, weil man ihn nicht mehr für unmittelbar gefährlich hielt.

Die Reaktionen blieben natürlich nicht aus. Selbst bevor irgendwelche Details bekannt waren – und auch jetzt gibt es ja bei weitem keine Sicherheit der Erkenntnisse – kamen sofort vom rechten Rand Forderungen nach einem Überarbeiten der Sicherheits- und Flüchtlingspolitik. Andere skandieren sofort dies wären „Merkels Tote„. Weil sie dem Grundgesetz und der UN Menschenrechtskonvention zugelassen hat, dass Menschen hier Asyl beantragen. Es sind aber gar nicht Merkels Tote, sondern Anis Amirs Tote. Er hat sich entschlossen zwölf Menschen mit einem LKW zu töten und ebenso den Fahrer des Fahrzeug zu ermorden.

Man stelle sich vor Herr Schmidt lädt zu einer großen Straßenfeier ein und es kommen einige hundert Besucher. Es wird normal gefeiert, leider gesellt sich aber auch ein Mörder unter die Gäste und ermordet zwei Menschen. Würde wirklich jemand sagen, dass dies Herr Schmidts Tote sind, weil er die Einladung ausgesprochen hat? Wohl kaum. Und im konkreten Fall liegen die Zahlenverhältnisse noch weit mehr vernachlässigbar. Ein vermutlich als einer von ca. eine Millionen Flüchtlingen nach Deutschland gekommener Mann hat von 80 Millionen Einwohnern zwölf ermordet. Kann man da von einem Krieg reden, wie es die AFD tut? Wenn man von 80 Millionen Euro, zwölf verliert, ist man dann insolvent?

Gerade in der jetzigen Zeit muss der Kummer der Angehörigen schrecklich sein. Liebe Menschen sind ihnen entrissen worden. Ich mag mir nicht vorstellen, welchen Schmerz sie erleiden müssen. Aber nüchtern betrachtet ist die Empörung der meisten Leute Heuchelei und jegliche Panik einfach nur dumm. Überall liest man nun Angstbekundungen, Briefe besorgter Eltern tauchen in Blogs auf.

Um das Ereignis mal in eine Perspektive zu rücken:

Und was merkt man daran? Es geht einfach nur um Panikmache und nicht um echte Sorge. Es gibt weder einen Krieg, noch eine Invasion, noch sind wir in einer besonders gefährlichen Lage. Statt Panik braucht es jetzt Besonnenheit. Wir brauchen keine Änderungen, Verschärfungen von Gesetzen oder Einschränkungen von Rechten, für niemanden. Man kann nicht alle Menschen, hunderttausende, die zu uns geflohen sind unter Generalverdacht stellen, weil einer von ihnen ein Mörder geworden ist. Wer jetzt solche Forderungen stellt und Panikmache betreibt, der macht sich zum Komplizen der Terroristen.

Nicht besser sind übrigens Bekundungen der Art „die ganze westliche Welt“ wurde angegriffen. Abgesehen davon, dass es pikant ist, weil die meisten islamistischen Terroranschläge eben nicht in der westlichen Welt passieren, sondern z.B. im Nahen Osten und Asien, ist es sehr zweifelhaft einen Terroristen dadurch aufzuwerten, dass man einen Kampf gegen eine ganze Hemisphäre heraufbeschwört. Damit macht man sich die selbe Logik der Hetzer und Terroristen gleichermaßen zu eigen: Wir führen einen Krieg. Der Terrorist kann sich dann schön als mutigen Held feiern, der es in „David gegen Goliath“-Manier mit einer Übermacht aufnimmt. Dabei hat dieser Terrorist eben nicht die ganze Welt angegriffen, sondern mit einem Sattelschlepper 11 Wehrlose getötet und einen weiteren erschossen. Daran ist nichts Edles, Heroisches oder sonst etwas dieser Art, sondern vor allem etwas Grausames und Feiges.

Die Polizei kann nicht jeden überwachen, man kann auch niemanden in den Kopf sehen und Einzeltaten sind kaum vorhersehbar. Zwar ist die Polizei für die Sicherheit verantwortlich, aber nicht alleine für unsere Gesellschaft. Wir alle tragen die Verantwortung unserer Gesellschaft und dazu gehört auch, dass man aus einem solchen Anschlag eben keine Panik erwachsen lässt. Wenn wir das nämlich zulassen, dann ist das genau das, was die Terroristen wollen. Wenn wir Gesetze verschärfen, Freiheiten beschränken oder gar Weihnachtsmärkte schließen, dann heißt das, der Terror hat Erfolg.

Man kann stattdessen aber versuchen die internationale Zusammenarbeit zu verbessern. Der Mörder der Studentin aus Freiburg, Maria L., war in Griechenland wegen einer ähnlichen Tat zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Auch er war Flüchtling und wurde nach einem Jahr unter Auflagen entlassen. Diese verletzte er und tauchte unter, reiste nach Deutschland. Daraufhin wurde er zur Fahndung in Griechenland ausgeschrieben – aber eben nicht international. Leider, sonst hätte man diesen Mord verhindern können. Ebenso hätte eine verbesserte Zusammenarbeit den Tatverdächtigen von Berlin längst in seine Heimat zurückbringen können, da er offenbar keinen Anspruch auf Asyl hatte – die entsprechenden Unterlagen aus Tunesien kamen leider zwei Tage zu spät.

Ebenso könnte man sich mehr mit den Ursachen für Terrorismus befassen. Die Behauptung es wäre ein rein muslimisches Phänomen ist wohl kaum haltbar. Beispiele für christliche Terroristen sind z.B. die IRA, Breivik, die LRA, die Army of God und weitere, die mehr als 100.000 Menschen ermordet haben. Weiter sind sowohl Terrorgrößen wie bin Laden, oder die Attentäter von Paris eben nicht durch islamkonformes Verhalten aufgefallen, sondern durch Porno– und Drogenkonsum. Auch der Verdächtige von Berlin ist eben kein überzeugter Muslim, der das „westliche“ Leben abgelehnt hat. In jedem Fall denke ich das beste, was man gegen Terrorismus tun kann ist, integrieren, auf Menschen zugehen und sie nicht mit Drohnen bekämpfen oder mit Panzern. Menschen ein friedliches, würdevolles Leben ermöglichen ist der beste Garant gegen Terrorismus – weit besser als jede Vergeltung, nach der nun so laut gerufen wird. Vergeltung bringt immer nur neue Vergeltung, bis keiner mehr weiß, wer eigentlich angefangen hat. Und an diesem Punkt sind wir längst. Bomben auf Syrien zu werfen, hat weder die Toten von Paris verschwinden lassen, noch den Anschlag von Nizza oder den von Berlin verhindert.

Ich für meinen Teil werde auch weiterhin genau das gleiche tun, was ich vor dem Anschlag von Berlin getan habe und mein Leben nicht verändern. Das sehen ich als meinen Teil der Verantwortung für die Gesellschaft. Sich eben nicht von Panik anstecken zu lassen. Davon gibt es schon genug.

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Ein Gedanke zu “Besorgte Bürger Teil I: Sorge oder keine Sorge, das ist hier die Frage.

  1. Lieber Volker, Deine Gedanken sind genau richtig, es wäre gut,
    wenn Dein gesunder Menschenverstand Allgemeingut wäre.
    Aber man hört eben alles von Rübe runter bis Alle raus. Wenige sind
    bereit zuzugeben, dass nicht Angela Merkel die Ursachen für all
    das vermeidbare Elend in der Welt gelegt hat, sondern eine Politik,
    die immer mehr auf Maximalprofit ausgerichtet ist und über
    Moral nur lacht, der Gutmensch ist ein Verlierer. Mir ist das alles
    sehr zuwider, ich bin mit Goethes „Edel sei der Mensch“, Kants kategorischem Imperativ, mit dem Kommunistischen Manifest und der Bergpredigt aufgewachsen, ich kann nicht anders, ich denke und fühle
    wie ein Mensch.
    Dein Onkel Gerhard
    Trotz allem: Frohe Weihnacht

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