Titel schützt vor Dummheit nicht

Zwar neige ich mitunter zu sehr prägnanten Beurteilungen, allerdings vertraue ich üblicherweise darauf, dass unser Bildungssystem auch oder gerade bis in die obersten Ebenen einigermaßen brauchbar ist. Nicht perfekt, aber brauchbar. Kürzlich habe ich eine Artikel gelesen, in dem es um eine Buchveröffentlichung eines Historikers ging, der eine Professur an der Humboldt Universität innehat, der mich sehr überraschte, dass jemand mit einer solch unprofessionellen Argumentationskette überhaupt so eine Position erreichen konnte.

Aber was genau ist eigentlich „Dummheit“? In seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ aus dem Jahre 1781 definierte der berühmte Philosoph Immanuel Kant sie so:

Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt.

Es geht also nicht um ein bloßes Missgeschick oder einen Irrtum, deren Opfer jeder von uns schon geworden ist, sondern um eine eingeschränkte Befähigung sich ein Urteil zu bilden.

Gestoßen bin ich auf das folgende Thema, als ich jüngst in der Mensa gegessen und einen Zeitungsartikel dabei gelesen habe in dem es um Rechtsextremismus an deutschen Universitäten ging. Unter anderem berichtete er auch über den Autor des Buches „Räume der Gewalt“, den Berliner Prof. Jörg Baberowski, der an der schon genannten Universität den Lehrstuhl für Geschichte Osteuropas innehat.

Kant_gemaelde_1
Immanuel Kant im Jahr 1791.

Der studierte Historiker und Philosoph schreibt in seinem Buch zu den Ursachen von Gewalt und vertritt dort die Meinung, dass Ideen keinesfalls zu Taten anregen, sondern lediglich die Möglichkeiten und Bedingungen zu entsprechender Gewalt führen. Ideologie spiele keine Rolle. Abgesehen davon, dass es dazu gegenteilige Untersuchungen gibt, glaube ich nicht, dass es eine schwarz-weiß Situation ist. Natürlich können in bestimmten „Räumen“ Gewaltpotentiale legitim werden, die vorher nicht dagewesen sind – wie z.B. im Stanford-Prison-Experiment.  Neben dem künstlichen Raum, der in diesem Experiment geschaffen wurde, in dem Gewalt ein Stück weit legitimiert wurde, gab es auch eine eindeutige Ideologie. Nämlich, die einer zweigeteilten Wertigkeit in der die Gefangenen weit weniger Rechte und Wert hatten.

Prof. Baberowski zeichnet sich in der Öffentlichkeit vor allem durch rechtsradikale Äußerungen aus, fällt dadurch auf, dass er den Holocaust vernachlässigt, ihn im Grunde als „natürliche Folge“ der Situation des Krieges darstellt. Seine These dabei ist:

Es kommt also nicht darauf an, was einer denkt oder meint, sondern wo und wie jemand handelt.

Ich halte diese zentrale These, wie oben schon angedeutet, für falsch, aber nehmen wir einmal an, sie wäre zutreffend.

Weiter äußert sich Prof. Baberowski in die Richtung, dass für die Verbrechen der Nazis, u.a. an der Ostfront, nicht Antisemitismus der Grund war, sondern der  Raum selbst und seiner Meinung nach, waren dort auch keine „besonderen motivierte Antisemiten“ im Einsatz. Nicht Antisemitismus sei die Ursache gewesen, sondern die brutale Gewalt des Partisanenkrieges. Das gezielte Töten von Juden war seiner Meinung nach nicht ideologisch geprägt oder gar Ausdruck von besagter besonderer Motivation. Und jetzt kommen wir zum Knackpunkt. Nach seiner eigenen These, ist ja das Handeln das Entscheidende und nicht, was jemand denkt. Demnach wäre aber jemand, der – auch wenn er nicht aus Überzeugung – antisemitisch handelt, selbst Antisemit. Ist das Handeln gegen Juden gerichtet, so ist der Handelnde das ebenso, wenn das Handeln der bestimmende Faktor ist, auch wenn die Person vielleicht nur aus Angst oder Zwang so handelt. Das ist reine Logik, die aus des Professors eigener Prämisse folgt.

Ist A = B und B = C folgt auch, dass A = C.

Ich hätte eigentlich gedacht, dass jemand mit einer solch profunden Ausbildung zu einem solch einfachen Schluss in der Lage ist und seinen eigenen Gedanken auch zu Ende denkt. Und wenn Handeln gegen jemanden, in diesem Fall Juden, bis zur gezielten Ermordung eskaliert, dann ist dies natürlich eine besondere Eskalationsstufe. Nach Prof. Baberowskis eigener These, dass das Handeln das Entscheidende ist, waren also sehr wohl besondere Antisemiten an der Ostfront im Einsatz.

Natürlich kann eine bestimmte Situation eine Gewalttat begünstigen, immer dann wenn Sanktionen für Gewalt ausbleiben, bzw. nicht zu erwarten sind. Dies ermöglicht dann eine Ideologie auszuleben, die in der Regel darauf begründet ist, dass der andere, das Opfer, weniger Rechte hat, weniger Wert ist und deswegen ein Misshandeln oder gar Töten legitim ist.

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Kurz vor einer Massenhinrichtung von wahllos gefangen genommenen Zivilisten durch die Wehrmacht als Sühne Taten Einzelner.

Eine große Zahl von Befehlen in der Wehrmacht war motiviert durch Antisemitismus, z.B. der Kommisarbefehl, der beinhaltete Parteifunktionäre in der Roten Armee völkerrechtswidrig zu ermorden, wenn sie gefangen genommen wurden oder sich ergaben. Der Grund für diesen Befehl war die Annahme, dass die Partei in einer jüdisch bolschewistischen Verschwörung unterwandert worden ist.

Als Teil des Partisanenkrieges kam es zu brutalen Vergeltungsmaßnahmen, in denen ganze Dörfer für die Handlungen einzelner Partisanen zerstört und niedergebrannt wurden.

Die Handelnden, d.h. die Wehrmachtsangehörigen, sind aber keineswegs in diese Lage geraten, wie in ein Gewitter, sondern der Krieg wurde von deutscher Seite begonnen. Und dies auf Basis einer Ideologie, von Gedanken und nicht einer vorherigen Handlung. Die Darstellung von Prof. Baberowski ist geradezu grotesk vereinfacht, einseitig und vor allem nicht schlüssig.

Ich teile die Auffassung, dass das Handeln ganz entscheidend für die Bewertung eines Menschen ist. Es wäre jedoch merkwürdig, dass ausschließlich bei Gewalt der Gedanke daran  nicht maßgeblich beteiligt sein sollte. Bei anderen Handlungen allerdings schon. Als gestalterisches Moment für Kunst, als Grundlage für eine Lebensplanung. Wieso dann nicht auch bei Gewalttaten?

Prof. Baberowski  stellt weiter die Behauptung auf, dass nur Gewalt vor Gewalt schützen kann, d.h. fällt ein Gewaltmonopol, muss es zwangsläufig zu entsprechenden Gewaltausbrüchen kommen. Schade, dass Prof. Baberowski in der Zeit der Wende nicht in Berlin, sondern in Frankfurt tätig gewesen ist – laut seines Lebenslaufs. Denn sonst, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass mit Wegfallen des staatlichen Gewaltmonopols in der DDR keineswegs Anarchie ausbrach, sondern alles recht friedlich verlief. So stürmten Bürger zu Beginn des Jahres 1990 die Stasizentrale in Berlin. Es kam niemand zu Tode, keine Gewalt wurde ausgeübt, obwohl – ganz augenscheinlich für die Beteiligten – die Gewaltmacht des Staatsapparates der DDR ja nicht mehr vorhanden war. Wieso handelten sie dann aber so, wie sie es taten und wurden nicht gewalttätig? Vielleicht, weil ihre Gedanken, sie davon abhielten?

Wieso konnte die brutale Gewalt den Partisanenkrieg nicht stoppen, wenn nur Gewalt gegen Gewalt wirken kann? Wieso sind weder Afghanistan noch Irak sicher und friedlich, obwohl „der Westen“ dort sehr viel Geld in den Krieg investiert hat. Vielleicht gerade wegen des Krieges?

Berlin, Stasi-Zentrale gestürmt
Die Stasizentrale nach dem Sturm. /CC-BY-SA 3.0

Natürlich sind gerade in Gesellschaftswissenschaften selten absolute Gesetze möglich, anders als z.B. in der Natur- oder Ingenieurwissenschaft, meinem Metier. Aber dann sollte man sie auch nicht so formulieren.  Grundlage für Handeln ist selten einfach und der geistige Anteil daran, kann nicht einfach ignoriert werden. Im Gegenteil, um solche Taten verhindern zu können, muss man verstehen, wie diese Gedanken entstehen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen.

Prof. Baberowskis „Analysen“ mangeln an Schlüssigkeit, halten seinen eigenen Thesen nicht stand. Vielmehr wirkt es so, als habe er versucht, seine vorhandene Sicht irgendwie zu untermauern und dabei ganz bewusst existierende Gegenbeispiele ignoriert, bzw. abgetan. So sollte man als Wissenschaftler nicht vorgehen. Eine solche Einseitigkeit in der Begutachtung einer Situation muss zwangsläufig zu einem fehlerhaften Urteil führen. Und Mangel an Urteilskraft…

Das Handeln der Soldaten an der Ostfront war geprägt durch eine Ideologie, dass sie etwas Besseres waren, als die, gegen die sie gehandelt haben, wodurch unmenschliches Handeln gerechtfertigt wurde. Auch heute gibt es ja wieder Bestrebungen des „Ich zuerst“ – aber wie kann man darauf kommen, dass aus einer solchen Ideologie etwas dauerhaft Gutes entstehen kann oder gar ein friedliches Zusammenleben ermöglicht wird? Um so wichtiger ist es eben gerade gegen solche Ideologien vorzugehen und sie nicht zu verharmlosen, sondern ganz klar als das zu identifizieren, was sie sind: Grundlage für grausames Handeln.

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