Unterwegs im Land der aufgehenden Sonne: Japan

Einer der verschiedenen Vorteile in meinem Beruf ist die Internationalität des Geschäfts. Die Raumfahrt betrifft alle und so hat man immer wieder mit neuen Nationen zu tun. Ebenso werden Konferenzen und Kongresse in den verschiedensten Ländern abgehalten. Dieses Jahr hat es mich nach einer Konferenzpause im letzten Jahr zur ISTS in Japan gezogen. Neben der einwöchigen Konferenz auf der ich eine Menge gelernt habe, gab es auch für einige Tage die Möglichkeit ein wenig in der Gegend herumzureisen. Insgesamt hat mich das Land mehrfach überrascht. So ist alles bestens durchdacht, selbst im Detail – z.B. kann man die Zugsitze drehen, um Sitzgruppen zu erhalten. Sie sind nicht festinstalliert, wie bei uns.

Leute

Japaner gelten gemeinhin als freundlich und ordentlich. Nach zehn Tagen in dem Land kann ich sagen, dies stimmt nicht. Es wäre eine totale Untertreibung. Eine der Unangenehmsten Eigenschaften von US-Amerikanern ist für mich deren „Freundlichkeit“, die in der Regel nur aufgesetzt ist und hinter der sich nicht selten eine große Überheblichkeit verbirgt, die vor allem dann ausgeprägt ist, wenn die jeweilige Person sonst nichts hat, was sie vorweisen kann (die bescheidensten Amerikaner, die ich getroffen habe, waren auch gleichzeitig die wichtigsten). Bei Japanern ist die Freundlichkeit aber ehrliches Interesse am anderen und Bemühen.

Die Japaner haben eine faszinierende Art und Weise mit anderen Menschen respektvoll umzugehen und dies geht über bloße Floskeln hinaus. Die meisten Japaner können kein Englisch, auch nicht an Orten, wie Flughafen, Hotel, etc. wo man eher mit Ausländern (gerade auch Amerikanern) rechnen würde und daher einer Anforderung diese Sprache zu sprechen. Das sorgt aber nicht dafür, dass die Japaner kontaktscheu sind oder nicht hilfsbereit. Im Gegenteil mit Händen und Füßen wird einem erklärt, so lange gezeigt und gedeutet, bis man z.B. im Supermarkt bekommt, was man wollte, an der Rezeption, etc. Dabei habe ich es ein einziges Mal erlebt, das ein Japaner frustriert und ärgerlich wurde. Alle anderen sind stets sehr freundlich und hilfsbereit gewesen.

Ich betreibe ja auch Kampfkunst und bin darüber ja durchaus in Kontakt mit japanischer Lebensweise gekommen. Beim Training und sogar dem Betreten des Dojos (dem Trainingsraum), ist es üblich sich zu verbeugen. Dies ist in Japan immer üblich – was mir nicht klar gewesen war. So verbeugt sich der Schaffner vor allem im Abteil, wenn er es betritt und verlässt, um die Karten zu kontrollieren. Die Würdenträger der Konferenz verbeugen sich ebenfalls auf der Bühne, vor den Kollegen, etc. Das Bodenpersonal der Airline verbeugt sich vor dem Arbeitsplatz und anschließend den Passagieren, bevor sie die Bordkarten überprüfen.

Insgesamt drückt sich das japanische Wesen durch einen tiefen Respekt dem anderen gegenüber aus, was ich sehr faszinierend finde. Das äußert sich durch gegenseitige Rücksichtnahme und eine Gelassenheit. Wenn die Zugtüren sich öffnen, hat niemand Angst, zu kurz zu kommen und es wird nicht gedrängelt. Im Straßenverkehr gibt es kein Gehupe und Gedrängle. Faszinierend.

Ob diese Haltung vor allem nach dem zweiten Weltkrieg oder auch davor bereits existierte, ist mir nicht klar geworden. Wie sie mit den Gräueltaten der Japaner im zweiten Weltkrieg vereinbar ist oder auch mit dem exzessiven Walfang, ist mir allerdings völlig unklar.

 

Städte und Landschaft

Wie ich gelernt habe, fügen sich die Japaner gerne in die Natur ein, sehen sich als Teil davon und finden entsprechende Gestaltung erstrebenswert, die dies wiederspiegelt. So sind Gärten nicht wie bei uns Kunstobjekte, sondern eine gepflegte Abbildung der Natur – was ich für viel schöner und anspruchsvoller halte.

Gleichzeitig habe ich selten ein solch schreckliches Stadtbild gesehen. Japan hat vieles seiner Städte durch Bombardements im zweiten Weltkrieg verloren. Es gibt nur noch wenige alte Gebäude und auch die meisten Burgen und anderen historische Bauten, sind im Krieg zerstört worden. Zwar sind die Straßen im Schachbrettmuster – was die Wegfindung erleichtert – aber es gibt keine erkennbare Stadtgestaltung. Schicke Häuser stehen neben Bruchbuden aus Wellblech. Ebenso scheint es keine Stadtplanung zu geben, so dass Industrie- und Wohngebiete nicht getrennt sind. Dies ist sehr merkwürdig anzusehen und nicht gerade schön. Einzig in Ozu hat mein ein eher kleines Städtchen, wo es noch ältere Gebäude gibt, die ein wenig schicker sind. Ansonsten ist eher zweckmäßig gebaut.

Ich glaube der Unterschied liegt aber in der Natur der Japaner begründet. Einmal scheint man sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen, daher gibt es vielleicht keine Auflagen, wie ein Stadtgebiet zu gestalten ist, wie man es bei uns kennt. Andererseits, wird auch nichts zerstört. Während in Japan hübsche Willen, neben Wellblechbauten existieren, wäre dies hier unmöglich. Ist eine Scheibe eingeschlagen, folgen sofort die nächsten und innerhalb kurzer Zeit ist ein Viertel heruntergekommen und die wohlhabenden ziehen in neue Gegenden, die dann wieder einheitlich „schick“ sind. In Japan gibt es aber kein Vandalismus. Niemand macht dort etwas kaputt, niemand schmiert Grafitti an irgendetwas. Deswegen mag ein Haus heruntergekommen sein, aber nicht eine ganze Gegend.

Trotzdem ist es interessant, dass Schönheit zwar im Detail gesucht wird, nicht aber im Großen der Stadt.

Die Landschaft selbst ist vom Meer und von den Bergen geprägt, die durchaus auch mal zweitausend Meter erreichen. Die Berge sind stark bewachsen, relativ rundlich erodiert und bilden einen harmonischen Hintergrund.

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Burg Ozu in der grünen Landschaft.

Sehenswürdigkeiten und Kultur

Gibt es in Japan natürlich nicht. OK, ist gelogen. Ich interessiere mich vor allem für Historie, nicht zuletzt natürlich die Samurai und so standen insgesamt vier Burgen auf dem Besichtigungsprogramm: Matsuyama, Imabari, Uwajima und Ozu.

Mit Ausnahme von Uwajima handelt es sich bei den Burgen um Rekonstruktionen, da sie in der Meiji-Restauration abgerissen wurden (Restauration bezieht sich hier auf die Wiederherstellung der Regierungsfunktion des Kaisers zum Nachteil des Shoguns) oder spätestens Bombardements im zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen.

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Außen Hui, innnen Pfui: Burg Imabari

Das Schlusslicht bildet eine der wenigen Wasserburgen Japans: Imabari. Abgesehen davon, dass die Stadt außer Industrie nichts zu bieten hat, war die Burg leider eine Enttäuschung. Sie wurde mit Ausnahme der Außenmauern komplett nachgebaut, allerdings nur an der Oberfläche. In Wirklichkeit handelt es sich z.B. beim Hauptturm, um eine Betonkonstruktion, die innen den Charme eines modernen Hochhauses hat, und nicht die einer mittelalterlichen Burg. Fotografieren ist dort verboten – vielleicht, um den „Beschiss“ zu verbergen? Zwar sind verschiedene Samurairüstungen ausgestellt, die können aber auch andernorts bewundert werden und das Innere des Gebäudes lässt keine passende Stimmung aufkommen.

Das genaue Gegenteil ist Burg Uwajima, eine von 12 noch erhaltenen Burgen. Man spürt einen Hauch von Geschichte, wenn man durch Gänge schreitet, die schon vom Daimyo selbst, dem örtlichen Fürsten, bewandelt wurden.

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Das Innere von Burg Uwajima

Ein Mittelding ist Burg Ozu, die nicht nur originalgetreu wieder aufgebaut wurde, sondern sogar mit Originalmitteln. Ähnlich ist es bei Matsuyama.

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Saumarirüstungen in Burg Uwajima

Ansonsten gibt es natürlich verschiedene Museen und hier und da auch Nachbauten oder restaurierte alte Gebäude und Villen, die einen Einblick in das Leben vor ca. 150 Jahren geben.

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Eine Händlervilla von Innen

 

Abschluss und Fazit

Japan ist ein spannendes Land, bei dem mich vor allem die Menschen begeistert haben. Die Lebenshaltungskosten sind ungefähr wie bei uns, der Yen steht bei ca. 120 zu 1 Euro, wobei es in Japan nur den Yen gibt, der eher einem Cent entspricht. So bekommt man für ca. 100 Yen das, was man bei uns für einen Euro bekommt.

Die Menschen sind ein wenig scheu und man kommt sprachlich vor allem mit Japanisch voran, in jedem Fall sind sie aber sehr freundlich und hilfsbereit. Irgendwie wird einem immer weitergeholfen.

Das Land ist modern und fortschrittlich, alles ist sehr durchdacht und doch besinnt man sich inzwischen sehr auf die alte Kultur und Geschichte des Landes.

Die Anreise ist lang, aber lohnend und für mich auf jeden Fall zu empfehlen. Ich hoffe sehr noch einmal die Gelegenheit zu haben, dieses Land zu besuchen.

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Zwischen Neu und Alt.
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